Tokyo Babylon – Review


Wenn ich ehrlich bin, wollte ich diesen Manga schon viel eher lesen. Jetzt hab ich ihn aber doch noch gebraucht bekommen und hatte mal wieder ein wenig Clamp zum Lesen.

Ich mag Clamp, als der größte Fan der Gruppe würde ich mich zwar nicht bezeichnen, aber alle Manga die von den vier Damen gelesen habe fand ich mindestens gut bis sehr gut. Als Charakter Designer für diverse Anime waren sie ja auch schon aktiv, aber das ist natürlich nochmal ein ganz anderes Thema. Mit pausierten Manga sind sie ja auch ziemlich vertreten, aber wir widmen uns ja heute dem schon abgeschlossenen Tokyo Babylon. Diese Reihe neu zu kaufen ist aktuell nicht möglich, für kaufbare Preise ohne massiven Sammlerwert sucht man aber nicht vergeblich. Ich habe die 5 Sammelbände für durchschnittlich 4-5 Euro pro Band bekommen und habe vermutlich die besten gebrauchten Manga bekommen, die ich je online gekauft habe. Im Ernst, die Bände die bei mir ankamen waren nahezu neuwertig und dennoch alle Erstauflage aus dem Jahr 2004. Die Reihe erschien in Japan ursprünglich in 7 Bänden, hier hat man aber vermutlich nur ein oder maximal zwei Kapitel je Band mehr hinzugefügt. Tokyo Babylon ist praktisch gesehen das „Prequel“ zu X, auch wenn es mit der eigentlichen Handlung von X nicht viel zu tun hat. Die beiden Protagonisten aus Tokyo Babylon kommen halt auch in X vor, deshalb gilt es in gewisser Weise als Prequel für diese beiden, aber nun ja – das Clamp-Universum ist groß, das brauch ich hier sicher keinem zu erklären. Die Reihe ist mittlerweile 32 Jahre alt, also werde ich spoilern was das Zeug hält, wer X kennt weiß aber wahrscheinlich sowieso wie die Geschichte der beiden endet.

Die 16-jährigen Zwillinge Subaru und Hokuto sind vor kurzem von Kyoto nach Tokio gezogen. Beide sind Teil des altehrwürdigen Sumeragi-Clans, der seit Generationen die stärksten Yin-Yang-Meister Japans hervorbringt und als Schützer des Landes gilt. Der 16-jährige Subaru hat die spirituellen Kräfte seiner Vorfahren geerbt und ist mit seinem jungen Alter bereits der bislang stärkste Meister aller Generationen. In der Hauptstadt Japans geht er vielfältigen Aufträgen nach, die meistens geisterhafter Natur sind. So nimmt er sich rätselhafter Erdbeben auf einer der oberen Plattformen des Tokyo Towers an oder stellt sich mutig Rachegeistern entgegen. Seine quirlige Schwester Hokuto wohnt im gleichen Haus wie er und steht ihm mit witzigen Ratschlägen und Ideen zur Seite. Auch macht sie ihren zurückhaltenden Bruder wiederholt auf die Avancen des deutlich älteren Seishiro aufmerksam, der sich scheinbar Hals über Kopf in ihn verliebt hat. Er ist Tierarzt und als Abkömmling des Sakurazukamori-Clans zufälligerweise auch ein Yin-Yang-Meister. Jedoch ist diese Familiendynastie dafür berüchtigt Killer hervorzubringen und Menschen mit ihrer spirituellen Kraft zu ermorden. Seishiro ist ein guter Freund der Zwillinge und kümmert sich liebevoll um die beiden. Er hat nur ihr Wohlergehen im Sinne, nicht wahr?

Hallo, hier ist Hotaru Kiryu, eine weibliche Bloggerin von der man sich erzählt das sie „homophob as fuck“ ist. Wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat weiß ich, aber ich weiß auch was ich gesagt habe und deswegen erkläre ich nun warum das so wichtig ist. Tatsächlich hat Tokyo Babylon einige Shounen Ai-Elemente, die aber ziemlich gut integriert sind und dennoch mehr als nur Fanservice sind. Ich bin kein Fan von stumpfen Yaois, wo es nur darum geht die beiden Protagonisten so schnell wie möglich in die Kiste zu kriegen – ich mag Geschichten, die Inhalt haben aber eben auch eine Romanze beinhalten. Hier ist es aber eher das vortäuschen den anderen zu lieben, so dass der andere letztlich den anderen wirklich liebt und na ja … mit seinen Gefühlen zurückbleibt, weil der andere die Gefühle nur vorgetäuscht hat. Das ist etwas bitter, aber so schmerzhafte Dinge sind halt genau Clamps-Ding, nicht wahr? Ich denke, Shounen Ai mit wirklichem Inhalt stört mich nicht wirklich und hier hat es sich gut aufgebaut, allerdings erinnere ich mich nur leider nicht wie das ganze in X dann weiterging. Ehrlich gesagt muss ich sogar gestehen, das ich Subaru am Anfang nicht mal erkannt habe. Seishiro schon, aber Subaru sah in seinen jüngeren Jahren doch etwas anders aus. Beide haben eigentlich eine gesunde Dynamik, es gibt natürlich immer mal Hinweise das da irgendwas im Busch ist, aber die Kapitel selber haben ja auch noch einen gewissen Kurzgeschichten-Touch durch Subarus Job. Meistens, oder fast immer, rettet er Frauen die als Geister noch auf der Welt hausen und Stress machen oder hält Charaktere davon ab so richtigen Shit mit Magie zu machen.

Ich fand tatsächlich alle Kapitel mindestens interessant, sei es die verstorbene Schauspielerin die Groll auf Tokyo hat weil sie eine gescheiterte Karriere ohne Erfolge hatte, Subarus Kindheitsfreundin die ihn komisch fand, eigentlich aber mochte und seit einer Vergewaltigung im Koma liegt, Mädels die mit Magie Scheiße bauen, dabei telefonieren und Chuuni haben, eine Mutter die ihr Kind an einen Mörder verlor und ihn ebenfalls umbringen will, ein gemobbtes Mädchen das auf eine Sekte reinfällt, ein alter Mann der seiner erwachsenen Tochter zur Last fällt, eine verstorbene Frau die auch nach ihrem Tod in einer Karaokebar sitzt und nach einer Affäre mit einem älteren Mann Liebeskummer hat oder auch ein kleiner Junge mit einer Nierenerkrankung. Es gibt viele verschiedene Geschichten, ein paar hab ich jetzt weg gelassen, aber so hart die Themen auch sind schafft Clamp es respektvoll mit all diesen Themen umzugehen. Nicht alle von diesen Kapiteln haben ein schönes Ende, gerade das mit dem alten Herren der seiner verstorbenen Ehefrau versprochen hat seiner Tochter 100 schöne Dinge zu geben und beim letzten Mal Bananen kaufen in seiner Hektik auf der Straße angefahren wird und dabei verstirbt hat am meisten weh getan. Geweint hab ich nicht, aber es war zumindest schön zu wissen das seine Tochter am Ende doch bereut hat wie sie mit ihrem Vater umgegangen ist, an dem sie nur ihren Frust ausgelassen hat. Auch die Geschichte um einen blinden Mann mit seinem Blindenhund, von denen es in den 90ern wohl noch nicht viele in Japan gab, war eine wunderschön geschriebene Geschichte. Tokyo Babylon hat seine düsteren Elemente, aber auch realistische und schöne Dinge in einem. Sogar Hokuto hatte eine schöne Nebengeschichte, als sie sich mit einer ausländischen Dame anfreundet und ihre erste Freundin wird. Der eigentliche Shounen Ai-Plot, der hier aufgebaut wurde, war für mich ganz schön nebensächlich. Natürlich war das Ende schon überraschend, aber da ich X schon kannte wusste ich natürlich das es so kommt. Ein Leser der X gar nicht kennt, wird hier vermutlich überraschter sein.

Wenn wir hier auf die Charaktere eingehen, müssen wir eigentlich nur drei Stück beleuchten. Subaru, Seishirou und Hokuto. Subaru und Hokuto sind Zwillinge, jeweils männlich und weiblich, sie sehen aber trotzdem nahezu exakt gleich aus. Angefangen mit Subaru haben wir einen Protagonisten mit besonderen Kräften, der sich viel zu gut in andere reinfühlen kann und wirklich zu gut für diese Welt ist. Eigentlich ist er über den Manga konstant nur gestresst, sei es durch Seishirou, seinen Job, die Schule, seine Schwester – eigentlich würde es mich nicht wundern, wenn der Junge nicht irgendwann Burnout bekommt, war später an mein Gedanke. Ich find ihn zwar nicht super sympathisch, aber mindestens ziemlich in Ordnung – im Vergleich zu seiner Schwester zumindest. Man merkt schon, das Hokuto ein ziemlich Joke-Charakter ist und fast nur dafür da ist ein paar Sprüche zu klopfen. Sie kann ganz unterhaltsam sein, keine Frage, aber wirklich nützlich ist sie halt im meisten Fall nicht. Das ist leider schon alles was ich sagen kann, aber sie harmoniert zumindest sehr gut in diesem Trio. Seishirou ist, nun ja, sehr merkwürdig. Auf der einen Seite lernt man ihn als den lieben Tierarzt kennen, der super freundlich ist und dann hat er da noch diese mörderische Seite ansich. Irgendwie war das cool, aber funktionierte manchmal etwas holprig würde ich sagen. Dieses „ich hab dir alles nur vorgespielt“-Ding wirkte irgendwie etwas sehr schnell reingeschustert, da hätte ich mir vielleicht ein anderes Argument gewünscht. Letztlich mochte ich ihn aber vemutlich dennoch am meisten, weil er halt interessant genug ist um sich auch vielleicht noch ein wenig in ihn reinzudenken. Die meisten anderen Charakteren nur vereinzelt oder in ihren eigenen Kapiteln vor, deshalb bleibt mir dazu jetzt nicht allzu zu sagen.

Was die Zeichnungen angeht, sprechen wir hier von sehr frühen Clamp-Zeichnungen aus dem Jahre 1990 bis 1993. Was Charakterdesign angeht sind die vier Damen heutzutage schon etwas kreativer, gerade die Damen ähneln sich alle etwas sehr, aber für die ersten Clamp-Manga die es damals so gab ist es dennoch nicht schlecht. Was Hintergründe angeht war der Manga immer etwas sparsam, aber wenn es zum Beispiel wirklich mal etwas mehr Umgebung wie Hochhäuser oder einen Kirschblütenbaum zu sehen gibt, ist da durchaus Arbeit drin. Ich möchte an der Stelle aber mal die deutsche Umsetzung der Bände loben, nicht nur die Übersetzung kommt hier ziemlich gut weg, sondern auch das Taschebuchformat ist noch klein und kompakt gehalten, was ich generell aus der Zeit sehr mag. Einzig und allein die vielen Übersetzernotizen sind manchmal etwas nervig, ich verstehe warum sie da sind, aber wirklich jedes Essen zu erklären ist auf Dauer auch ein wenig anstrengend.

Besagtes, neues Anime-Projekt.

Für Tokyo Babylon war ja letztes Jahr auch eigentlich ein neuer Anime geplant, simpel genannt Tokyo Babylon 2021. Er sollte die Serie vom Setting ins Jahr 2021 setzen und das hätte aus meiner Sicht tatsächlich auch gut funktionieren können, wäre da nicht der Plagiatsvorwurf gewesen. Mehrere Klamottendesigns sollen wohl einfach geklaut worden sein, es waren eigentlich schon dreizehn Folgen von 21 fertig und dann wird es wahrscheinlich noch ein paar Klagen gegen den Produzent King Records geben. Das Studio wurde wohl vom Produzenten nicht bezahlt, Clamp ist nun dabei das komplette Projekt noch mal neu anzufangen und nun ja – schade, ich vermute das wird entweder sehr lang dauern oder gar nicht mehr kommen. Tokyo Babylon hat außerdem noch eine alte OVA-Adaption aus den 90ern, die ich nicht gesehen habe, aber vielleicht finde ich noch Zeit dafür. Die Designs des neuen Projekts sahen zwar etwas zu sehr hochpoliert aus, aber vielleicht bessert sich das noch mit dem neuen Projekt, wer weiß das schon.


Ich bin ehrlich gesagt sehr überrascht. Bei dieser Reihe habe ich vieles erwartet, aber nicht einen so guten Manga. Natürlich gibt es stärkere Clamp-Manga, die Charaktere sind hier und da nicht völlig ideal geschrieben und die Zeichnungen liegen auch noch hinter dem was Clamp teilweise so drauf hat. Aber da wo der Manga immer wieder punktet, sind die realitistischen Themen und auch die düsteren Töne. Das Ende ist etwas gewöhnungsbedürftig, ich verstehe das es vielleicht nicht jedem gefallen könnte, aber dieses Ding mit der Wette war eh etwas seltsam, also war das vielleicht auch zu erwarten. Vielleicht spendiert Carlsen Manga dem Manga ja noch selbst eine neue Auflage oder es macht noch ein anderer Verlag. So was in der Richtung hätte sich die Reihe durchaus verdient, damit vielleicht auch noch die jüngere Generation diesen Manga lesen kann, der bei weitem nicht so outdatet ist wie ich dachte. Viele Themen darin sind heute noch eine Sache und sollten  durchaus gewürdigt werden. Ein paar Methaphern gibt es hier und da natürlich immer, aber ich bereue nicht diese Reihe gekauft zu haben. Sie war meine Zeit definitv wert und ich werd sie vielleicht irgendwann nochmal lesen, wenn ich nochmal die Lust dazu habe.


Bewertung

7 von 10 Punkten

Verlag: Carlsen Manga – in fünf Sammelbänden abgeschlossen (aber out of print, gibt aber ein paar gute Angebote im Netz, der originale Release in Japan hatte sieben dünnere Bände)

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Ein Gedanke zu „Tokyo Babylon – Review

  1. Clamp ist halt eine Welt für sich, ich hatte bei deiner Beschreibung hier einige schwache Parallelen zu XXXholic erkannt: kleine Nebengeschichten die nachdenklich machen, wobei das hier besser klingt. Das mit dem Anime und dem Plagiat ist bitter, hatte ich garnicht mitbekommen, aber gute Review, schön das man manchmal alte Manga noch Fair bekommen kann

Schreibste mal was, aber denk dran - das hier ist nicht Tellonym.

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